Das Goldene Vlies / Der Literaturpodcast

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‘Meine geniale Freundin’ vs. ‘Das verborgene Wort’: Bildungsfreiheit oder Freiheit durch Bildung (4)

Season 1, Ep. 4

Die Fünfziger Jahre, Arbeiterkind, Mädchen… der Weg ist vorgezeichnet - und Bildung ist kein Bestandteil davon. Außer: man verfällt der Droge Lesen so sehr, dass sie schließlich zur Rettung wird.

Durch Ulla Hahns Protagonistin Hella in Das verborgene Wort und Elena Ferrantes Hauptcharaktere Lila und Lenù in Meine geniale Freundin reisen wir heute zwar nicht besonders weit weg – wir bleiben mit Italien und dem Rheinland mitten in Europa – und auch nicht besonders lang zurück in der Zeit – nur in die Fünfziger Jahre – und landen doch trotzdem in einer komplett anderen Welt:

In einer fast untergegangenen Welt – dem Proletariat. Da raus wollen alle, aber den Weg finden nicht viele. Träumen kann man gern, aber es zählen nur die Pflichten. Besonders, wenn man das Pech hat als Mädchen geboren zu werden. Außer, man heißt eben Hella, Lila und Lenù und nimmt es mit den starren Rollenbildern, den elitären Bildungsstrukturen, den Gespenstern des Zweiten Weltkriegs und den ganz eigenen Dämonen auf…

Oder den Teufeln der Umwelt – wie im Fall von Lila und Lenù in ‘Meine geniale Freundin’ die patriarchalen, mafiösen Strukturen (06:05). Frauen galten so sehr ‘nur’ als Ehefrau, dass sie oft nicht einmal in die juristische Verbrechensverfolgung involviert waren:

https://link.springer.com/article/10.1007/s11133-018-9389-8

Durch sind wir zwar nicht mit dem Patriarchat (07:27) – aber laut Margarete Stokowski leuchten doch irgendwie am Horizont ‘Die letzten Tage des Patriarchats’: https://www.rowohlt.de/hardcover/margarete-stokowski-die-letzten-tage-des-patriarchats.html

Ob die Klassengesellschaft nun aber wirklich so eine ferne Welt ist (08:55), bleibt fraglich: jahrzehntelang war das Wort verpönt, feiert gerade aber ein Revival:

https://www.zeit.de/kultur/literatur/freitext/soziale-gerechtigkeit-corona-krise-chancengleichheit-klassengesellschaft

Auch wenn Hochdeutschsprechen heute weniger elitär ist als damals, so wird Dialektsprechen (12:00) im Berufsleben doch immer noch abgestraft:

https://www.welt.de/wirtschaft/article205791813/Einkommen-Wer-Dialekt-spricht-verdient-20-Prozent-weniger.html

Wer die Düsternis der Referenz auf die Blaue Fee (24:15) noch ein bisschen besser verstehen will, kann hier sehen, warum Pinocchio eigentlich alles andere als ein lustiger Kinderfilm ist, sondern eher eine bedrückende Erzählung für alle:

https://www.youtube.com/watch?v=ytzZGObzobI

Mansplaining (30:40) – eine ätzende Attitüde, die hier ganz gut deutlich wird:

https://www.youtube.com/watch?v=xByk2nHlfb4

Wie schleppend die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in den Jahrzehnten nach dem Krieg war (34:58), kann man hier nachlesen:

https://www.bpb.de/izpb/151963/verdraengung-und-erinnerung?p=0

Max Czolleks komplettes Buch ‘Desintegriert euch!’ ist absolut lesenswert (36:22), aber hier schonmal ein kleiner Einblick in seine Perspektive:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyriker-czollek-ueber-holocaust-gedenken-warum-muss-die.976.de.html?dram:article_id=469099

Daran, wie wenig Frauen in Deutschland bis vor wenigen Jahrzehnten allgemein zugetraut wurde (39:17), erinnert dieses Video zu Frauen am Steuer:

https://www.youtube.com/watch?v=zwp40wOIXaM

Aber selbst jene Frauen, die gegen die Rollenvorstellungen ihrer Zeit rebelliert haben, wurden geschichtsklittend wieder brav gestriegelt – so wie Anette von Droste-Hülshoff (39:58):

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/karen-duves-romanportraet-fraeulein-nettes-kurzer-sommer-ueber-annette-von-droste-huelshoff-15817854.html

 

 

 

Alle Zitate beziehen sich auf folgende Ausgaben:

 

Ferrante, Elena, Meine geniale Freundin, Lizenzausgabe Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, Frankfurt/Main, 2016

(Copyright deutsche Ausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin, 2016)

 

Hahn, Ulla, Das verborgene Wort, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, 2008 (13. Auflage 2017)

(Copyright: Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2001)

 

Einzelnachweise:

 

 

04:39 – 05:11     Das verborgene Wort, S. 38

06:57 – 07:21     Meine geniale Freundin, S. 57

08:12 – 08:         38     Das verborgene Wort, S. 68

11:12 -  11:38     Meine geniale Freundin, S. 109f.

12:34 -  13:35     Das verborgene Wort, S. 181f.

18:09 – 18:52     Das verborgene Wort, S. 66f.

20:04 – 20:27     Meine geniale Freundin, S. 128

23:29 – 24:10     Meine geniale Freundin, S. 83

25:35 – 26:15     Das verborgene Wort, S. 57 und S. 62f.

26:55 – 28:06     Meine geniale Freundin, S. 173

28:10 – 28:50     Das verborgene Wort, S. 389f.

32:39 – 33:43     Meine geniale Freundin, S. 77f.

35:20 – 36:15     Das verborgene Wort, S. 100f.

44:08 – 44:40     Meine geniale Freundin, S. 325

46:00 – 46:31     Meine geniale Freundin, S. 7

 

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9/27/2021

'Long Way Down' vs. 'Wer ist Edward Moon?': Vergeltung oder Vergebung? #11

Season 2, Ep. 11
Gibt es so etwas wie Gerechtigkeit im Angesicht von Mord? Kann der Tod des Täters den Tod des Opfers wieder gut machen?Und wenn nicht, wieso sterben dann immer noch so viele in den Todestrakten durch die Spritze oder auf der Straße durch Selbstjustiz?Und falls doch, was ist es, dass am Tod des Mörders Genugtuung verschafft? Und ist es diese Genugtuung Wert in Kauf zu nehmen, nicht den Richtigen erwischt zu haben?Diese Fragen werfen Jason Reynolds in ‘Long Way Down’ und Sarah Crossan in ‘Wer ist Edward Moon?’ auf. Beide begleiten jeweils einen jüngeren Bruder, deren älterer Bruder in einen Mordfall verwickelt ist.Bei dem einen ist der Bruder das Opfer, bei dem anderen (vermeintlich) der Täter.Was diese Tragödie für sie und ihre Familien bedeutet, beleuchten beide in fast poetischer - und dabei vollkommen reduzierter - Sprache eindrücklich.Hier geht es zu der Musik von meinem Gast Jasmin aka Jeanny:https://open.spotify.com/artist/4ZjQ8ZZwne4Nfefu9vilRAAuf Instagram zu finden @jeannymusic oder mit ihrer Band@janko_music_Zitate beziehen sich auf folgende Ausgaben:Reynolds, Jason, Long Way Down, Faber & Faber, London, 2018Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, Mixtvision, München, 202004:57 – 05:07Reynolds, Jason, Long Way Down, Vorwort05:17 - 05:35Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 32509:24 - 10:50Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 8f14:11 - 15:10Reynolds, Jason, Long Way Down, S. Performance Theater Heidelberg & Jasmin16:40 - 17:26Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 34f22:24 - 22:49Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 4824:10 - 30:24Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 87-93 Sprecher:innen: Jasmin; Kristina Kelbler; Adrian Beierbach; Christoph Fischer35:58 - 36:24Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 36f38:11 - 38:43Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 18539:44 - 40:22Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 14644:03 - 44:54Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 250f45:21 - 46:16Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 27547:58 - 48:35Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 228f49:26 - 50:32Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 185f51:42 - 52:27Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 30654:42 - 55:48Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 321f01:02:16 - 01:03:02Crossan, Sarah, Wer ist Edward Moon?, S. 28901:08:48 - 01:09:15Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 4101:10:35 - 01:11:00Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 4401:12:06 - 01:12:35Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 2301:12:42 - 01:13:02Reynolds, Jason, Long Way Down, S. 23